Was bedeutet Network Neutralityvon Steve Graegert

April 21st, 2007 Permalink

Der Begriff Network Neutrality (dt. Netzwerkneutralität) ist der Dreh- und Angelpunkt einer hitzigen Debatte in den USA über eine Steuerung des Zugriffs auf öffentliche Netzwerke und -dienste. Ursprünglich untersagte die Netzwerkneutralität den diskriminierenden Zugriff lediglich über IP-Adressen, Domänen, Ports oder auch Cookies, erlaubte jedoch eine Kontrolle über den Faktor Bandbreite zur Implementierung von QoS-Vereinbarungen (QoS, Quality of Service) und anderen SLAs (Service-Level Agreements). Die momentane Interpretation der Netzwerkneutralität (im weiteren Verlauf mit NN abgekürzt) erlaubt indes nicht einmal die Zugangskontrolle über QoS. Die Auswirkungen einer wie auch immer ausgerichteten Regulierung werden durchaus auch Folgen auf die Internet-Landschaft in Europa haben.

Hintergründe

Die Prägung des Begriffs Network Neutrality geht wahrscheinlich auf Professor Tim Wu der Columbia-Universität zurück, der die These aufstellte, daß der Ausschluß von bestimmten Internet-Anwendungen zur Innovationsbremse für neue technologische Entwicklungen führen würde. Erst kürzlich haben einige größere ISPs und Netzwerkbetreiber Pläne veröffentlicht, die eine Erhebung von Gebühren für die Durchleitung und Bereitstellung von Infrastrukturen qualitativ höherwertiger Inhalte vorsehen. Befürworter der Netzwerkneutralität befürchten, daß auf diese Weise ganze Teile des Internets nur noch sehr langsam oder gar nicht mehr ohne die Entrichtung eines Entgeldes verfügbar sind und somit finanzschwache Teilnehmer des Internets kaum noch Inhalte einbringen oder abrufen können.

Inzwischen hat die Debatte auch die Politik erreicht. In den USA wird momentan über einen Entwurf zur Einschränkung der Berechnung von Gebühren für Dienste, die über die Netzwerke von Providern angeboten werden, beraten. Dabei geht es zum einen um die Abschirmung von Inhalten, was als Zensur verstanden wird, und zum anderen um das Tiering von Breitbandanwendungen mit dem Verkauf von kostenpflichtigen Sprach- und Datendiensten mit QoS-vereinbarungen.

Prominenteste Fürsprecher der Netzwerkneutralität sind unter anderem Google, Yahoo!, Microsoft und einige prominente Persönlichkeiten. Die genannten Unternehmen fürchten mit dem Verlust der Netzwerkneutralität einen immensen Rückgang der Anwender ihrer Dienste und damit erhebliche Gewinneinbußen, beispielseweise bei den Werbeeinnahmen. Gegner der NN, wie etwa Verizon, AT&T und Comcast, haben allerdings starke Partner an ihrer Seite, darunter die US Handelskammer (US Chamber of Commerce), die National Black Chamber of Commerce und die League of Latin American Citizens. In der Debatte um NN prallen gänzlich unterschiedliche Visionen der Zukunft des Internets aufeinander und offenbar auch unterschiedliche Wahrnehmungen der Vergangenheit des globalen Netzwerkes.

Konzeptionelle Überlegungen

Die Netzwerkneutralität kann aus technischer und kommerzieller Sichtweise betrachtet werden. Wu machte mit seiner These klar, daß das Internet selbst kein neutrales Netzwerk ist, da allein die technischen Ausprägungen eine Netzwerkanwendung keine echte Neutralität zulassen. Beispielsweise gibt es zeitkritische Anwendungen wie etwa VoIP und Video, die oftmals eine bevorzugte Behandlung bei der Durchleitung erfordern, und weniger zeitkritische wie Email oder HTTP. Schon deshalb sei die Internet Protocol Suite nicht wirklich neutral. Weiter denkt Wu, daß Betreiber von Breitbandnetzen in der Lage sein sollten, sinnvolle Unterscheidungen zwischen den Anforderungen verschiedener Anwendungen vornehmen zu dürfen und damit auch entscheiden können, wie der Verkehr solcher Anwendungen durch eigene Netzwerke geleitet werden sollte.

Dem gegenüber steht die Meinung der angesehenen Professoren der Rechtswissenschaften Susan Crawford, die einen uneingeschränkten, nicht regulierten Zugang zu Netzwerken zur Durchsetzung der Netzwerkneutralität unterstützt. Netzwerke sollten nicht auf Basis der Inhalte regulieren, sondern lediglich den richtigen Transportmechanismus für eine Anwendung bereitstellen. Ihrer Meinung nach geht es lediglich um die Gleichbehandlung von Bits in Datennetzen, derren gleichberechtigte Weiterleitung einen wichtigen Schutz des gemeinschaftlichen Gutes der Menschheit darstellt, das nicht unter die Kontrolle von Unternehmen gestellt werden darf. Für sie ist das Internet ein Bedürfnis, ähnlich wie Elektrizität, und sollte wenn möglich von der Regierung bereitgestellt und geschützt werden.

Der Begriff Netzwerkneutralität wird trotz der starken teschnischen Ausrichtung in nicht einem der technischen Spezifikationen (beispielsweise RFCs) erwähnt. Dennoch gibt es einige Punkte, die auf eine gewisse regulatorische Natur der verwendeten Technologien, angefangen von der Hardware bis hin zu Anwendungsprotokollen, schließen lassen. Zwar sind die meisten Netzwerke und deren Anwendungen weitgehend transparent, greifen jedoch durch die verwendeten Algorithmen und Technologien bereits auf dieser Ebene in den Netzwerkverkehr ein, der streng genommen, nicht mehr neutral behandelt wird. Beispielsweise sind packetorientierte Netzwerke nicht wirklich neutral, sondern fertigen den Verkehr unter verschiedenen Gesichtspunkten, wie Congestion Control ("Staukontrolle"), Resourcenverbrauch und der Möglichkeit des Queuings ab. Desweiteren spielen auch Techniken wie Forwarding-Algorithmen und Queue-Management in die Abwicklung des weltweiten Datenverkehrs ein. Sie sind alle auf ihre Weise bereits diskrimatorisch.

Argumente und Bedenken

Weitgehend unbekannt ist die Tatsache, daß die Netzwerkneutralität eng mit dem Ende-zu-Ende-Prinzip (end-to-end principle) verwoben ist. Diesem Prinzip nach besitzt ein Netzwerk keine, oder kaum, Intelligenz, sondern leitet einfach nur Datenpakete weiter. Es hat keinerlei Kenntnis über Inhalte und die Anwendungen, die die Datenpakete konsumieren oder emittieren. Ein wichtiger Vorzug der Netzwerkneutralität ist, daß ein "dummes" Netzwerk die Entwicklung und Ausbreitung von Innovationen fördert. Demnach sollten Netzwerkbetreiber, ob Telekommunikationsunternehmen oder ISP, nicht bestimmen, wie ihre Netzwerke genutzt werden sollen.

Viele setzen Netzwerkneutralität mit der Neutralität des Internets gleich, obwohl keines der technischen Beschreibungen in Bezug auf Internet-Technologien diesen Begriff jemals aufgreift. In vielen Abhandlungen über die Geschichte des Internets, beispielsweise in Manuel Castells’ "The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business, and Society" aus dem Jahr 2001 wird das Internet in den historischen und soziologischen Hintergrund gesetzt, jedoch ohne auf das Phänomen Netzwerkneutralität einzugehen. Erst Prof. Lawrence Lessig’s "The Future of Ideas" von 2001 wird den Begriff erstmals aufgreifen. Viele Argumente für eine Regulierung des Internets stammen zum einen aus dem akademischen Bereich mit Prof. Tim Wu als prominentesten Vertreter, Lawrence Lessig und dem FCC-Vorsitzenden Michael Powell, der als einer der ersten Offiziellen Stellung zur Netzwerkneutralität bezog. Allerdings sollten wir nicht vergessen, daß die Ideen, welche in der Netzwerkneutralität wiederzufinden sind, eine lange Geschichte haben, denn bereits mit der Einführung des Kabelfernsehens wurden Gegner der Regulierung des Mediums auf den Plan gerufen.

Befürworter der Netzneutralität stammen erstaunlicherweise aus allen Branchen und akademischen Kreisen. So sehen nicht nur Netzwerkexperten und -ingeneure einen gravierenden Rückschlag in der Aufgabe der Netzwerkneutralität sondern auch TV-Stationen, einige Telekommunikationsunternehmen und Gelehrte Nachteile in diesem Vorhaben. Es lassen sich vier Argumente aus der bisherigen Debatte ausmachen:

  1. Die meisten Vorhaben, den Zugang zu Netzwerken zu regulieren, schränken den Nutzen des gesamten Internets erheblich ein.
  2. Jede Regulierung ist auch gleichzeitig ein Prezedenzfall für weitere einschneidende Regulierungsverfahren.
  3. Eine Regulierung würde Investitionen in konkurrierende Netzwerktechnologien wie etwa WLAN reduzieren und Netzwerkbetreiber gleichzeitig daran hindern, ihre Dienste investionssicher zu differenzieren.
  4. Die Aufgabe der Netzwerkneutralität des unregulierten Internets würde zu Verunsicherungen führen, da es schwierig wird die Regularien mit denen der Telefon- und Kabelnetze abzustimmen.

Während das Internet sich aufgrund seiner Deregulierung steigender Beliebtheit erfreut, sehen Kritiker der Netzwerkneutralität ohnehin bereits ein reguliertes Internet und verweisen auf das ToS-Feld (Type of Service) im IP-Header oder das Aktive Queuing nach RFC2309. Ihrer Meinung nach ist das Internet weit von einer geeigneten Plattform für Echtzeit- und Multimediaanwendungen entfernt, weil solche Regulierungen fehlen und damit das evolutionäre Wachstum des Internets grundlegend gehemmt sei.

Netzwerkneutralität im Zeichen der freien Marktwirtschaft

Eines der Hauptargumente für Netzwerkneutralität ist, daß ein diskriminatorisches Netzwerk den Märkte, die von dem Internent abhängig sind, stören, und damit letztendlich das Wirtschaftswachstum nachhaltig hemmen würde. Dadurch wäre es möglich, daß Unternehmen A einen Markt dominiert, obwohl die Technologie von Unternehmen B besser ist. Ermöglicht wird das durch die stärkere Finanzkraft von A, das sich den schnellen Zugang zu Netzwerken erkaufen kann. Auf die gleiche Weise kann auch der Einzug einer neuen Technologie erschwert oder gar unmöglich gemacht werden, weil das diskriminatorische Netzwerk eine andere zeitgenössische Technologie bevorzugt (behandelt). Was das mit ökonomischen Wachstum zu tun hat, läßt sich folgendermaßen umreißen: die Innovationskraft eines Landes ist ein wichtiger Motor ökonomischen Wachstums. Führt nun die Abschaffung der Netzwerkneutralität zu einer geringeren Innovationskraft, wirkt sich das unmittelbar auf das wirtschaftliche Wachstum eines Landes aus. Demgegenüber stehen Kritiker, die eine Vernachlässigung grundlegender Anforderungen an Netzwerktechnologien befürchten, denn ein neutrales Netzwerk wäre gegenüber zeitkritischer und bandbreitenkritischer Anwendungen blind, was einen ähnlichen Effekt auf die wirtschaftliche Entwicklung haben würde.

Argumente gegen Netzwerkneutralität sind vielfältiger Natur, unter anderem deshalb, weil der Begriff selbst unterschiedliche definiert ist:

  1. Paket-basierte Unterscheidung (Diskriminierung) ist zwingen erforderlich, um QoS-Lösungen zu implementieren, was mit Netzwerkneutralität unmöglich sei.
  2. Sevice-Bundeling ist notwendig, um Investitionen zu ermöglichen, denn wenn ein Anbieter für einen höherpriorisierten Dienst mehr Gebühren verlangen kann als ein Mitbewerber, der den gleichen Dienst bei Standardpriorität anbietet, profitiert der Kunde, weil der Dienst besser ist und der Anbieter weil seine Einnahmen steigen und steigende Investitionen nach sich zieht. Ein Gegenargument hinterfragt die Notwendigkeit dieser Maßnahmen, denn schließlich könnte ein Anbieter einen Flaschenhals im Netzwerk ausnutzen und damit den Zugang für Mitbewerber quasi abkoppeln und gleichzeitig ein Monopol einrichten.
  3. Da ein neutrales Netzwerk wie ein Gemeingut funktionieren würde, müsse ein Provider in der Lage sein, die Bandbreitennutzung bestimmter Anwender gezielt einzuschränken, um für alle Anwender dieses Netzes maximale Leistung zu gewährleisten.

Service Provider in den USA haben sich bisher gegen diese Argumentation ausgesprochen und planen keine Änderung ihrer Preispolitik. Gründe dafür sind zum einen aufwendige Abrechnungsverfahren und der erhebliche technische Aufwand zur Implementierung solcher Mechanismen, und zum anderen der Preiskampf zwischen Mitbewerbern, die weniger stark regulieren und daher abwandernde Kunden gewinnen könnten. Stattdessen schlagen sie vor, Content Provider stärker für hochwertige Inhalte zu belasten und die Kosten an die Kunden weiterzugeben. Dabei vergessen sie offenbar, daß die Service Provider bereits jetzt Mehrkosten für das Hosting von Daten der Content Provider abrechnen.

Befürworter und Gegner

Bisher haben mehr als eine Million Menschen die Petition für die Aufrechterhaltung der Netzwerkneutralität unterzeichnet. Desweiteren sind mehrere namhafte Unternehmen starke Verbündete für den Kampf um Netzwerkneutralität, darunter IAC/InterActiveCorp, Ebay, Amazon, Yahoo!, Earthlink und vor allem Google. Auf Seiten der gemeinnützigen Organisationen haben Moveon.org, Consumer Federation of America, AARP, American Library Association, Gun Owners of America, Public Knowledge, the Media Access Project, Free Press, the Christian Coalition (PDF) und TechNet eine Allianz für Netzwerkneutralität gebildet und schließlich hat sich auch Tim Berners-Lee zu Wort gemeldet.

Natürlich müssen wir auch nicht lange nach starken Gegnern der Netzwerkneutralität suchen. So sind die Unternehmen der Bell-Gruppe ganz vorn mit dabei. Sie und große Kabelnetzbetreiber sehen in der De-Regulierung eine auferzwungene Pflicht zur Unterstützung des ersten Verfassungszusatzes, der freie Meinungsäußerung zusichert, aber Gerichtsverfahren wie FCC gegen Turner zeigten, daß sie selbst nicht verpflichtet sind, Inhalte, wenn auch nur passiv, zu unterstützen, wenn sie nicht mit ihnen konform gehen. Auch die gemeinnützigen Organisationen Freedom Works Foundation, National Black Chamber of Commerce, Progress and Freedom Foundation und der einflußreiche Think Tank New American Century (PNAC) sprechen sich gegen ein neutrales Netzwerk aus.

Interessanterweise hat sich der Finanzsektor sehr zurückgehalten, doch Beobachter hoffen, daß insbesondere die stark vom Internet abhängigen Banken bald in die Debatte eingreifen sobald sie beide Seiten genau abgewogen haben.

Beispiele für regulative Eingriffe durch ISPs

Die Bewegung SaveTheInternet.com hat einige Beispiele für diskriminatorische Eingriffe durch ISPs auf ihrer Website:

  • Im Jahr 2004 hat der ISP Madison River aus North Carolina Kunden den Zugang zu ihrem Netz mittels eines rivalisierenden Web-basierten Telefondienst untersagt.
  • Im Jahr 2005 hat Kanada’s Telefonriese Telus Kunden den Zugriff auf eine Website untersagt, die die Gewerkschaft der Telekommangestellten während eines Arbeitskampfes unterstützte.
  • Der Kanadische Dienstanbieter Shaw reduziert gezielt die Qualität und Zuverlässigkeit konkurierender Anbieter von Internet-Telefonie. Auf diese Weise zieht das Unternehmen die Kunden auf ihre Seite, aber nicht weil der Dienst besser ist, sondern weil er die Konkurrenten einfach schlecht aussehen läßt.
  • Im April diesen Jahres hat AOL den Zugang zur Website www.dearaol.com untersagt, die AOL’s Absicht ein sog. Pay-to-send-Email-Schema einzurichten, bei dem Anwender für jede Email einen Obulus zu entrichten hätten.

Resourcen im Internet

Einige Links zu ausgewählten Informationsquellen zum Thema Netzwerkneutralität:

Wissenschaftliche Abhandlungen

Offizielle Dokumente, Ansprachen und Aussagen

Nachrichten und Artikel

Abhandlungen von politischen Organisationen

Artikel und Webseiten von Befürwortern der Netzwerkneutralität

Artikel und Webseiten von Gegnern der Netzwerkneutralität

  • Choose Your Cable
  • DontRegulate.org – an anti-regulation campaign financed by telecommunication companies, using a cartoon created by Odd Todd
  • The Future Faster Net Neutrality Campaign – an anti-regulation coalition of communications and high-tech industry leaders, civic groups and other associations.

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