Die meisten Menschen, die das Internet als Anwender nutzen haben in der Regel noch nie etwas von der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) gehört, allerdings könnte ich mir vorstellen, daß die Zahl schnell steigen könnte, denn es steht nicht weniger als die Redefreiheit auf dem Spiel.
Als Gemeinnützige Organisation mit einer relativ jungen Geschichte von nicht einmal 10 Jahren zeichnet sie sich verantwortlich, die technische Seite der Verwaltung des Internet-Namensraumes zu organisieren. Sie steuert die Vergabe der Top-Level Domains (TLDs) wie beispielsweise .com und .net und sorgt für das infrastrukturelle Umfeld mittels sog. Root Server. Registrars können dann Domains für Anwender in diesen Namensräumen reservieren, so daß sie beispielsweise DigitalEther.de in Ihrem Browser aufrufen, um auf diese Seite zu gelangen. Root Server teilen dem Rest des Internets mit, welche TLDs es gibt und wo sie zu finden sind.
Nicht nur für Insider ein Thema
Während die ICANN durch ihr Mandat 1998 beauftragt wurde, dafür zu sorgen, daß die DNS-Infrastruktur nicht außer Kontrolle gerät, hat sich die Mission der ICANN über den engen technischen Bereich hinaus in die öffentliche Politik ausgedehnt, so daß nun auch Punkte wie die Privatsphäre, Markenrecht und Öffentliche Ordnung auf der Tagesordnung regulärer Treffen der ICANN-Vertreter stehen.
Da stellt sich die Frage, ob das alles nicht Angelegenheiten öffentlicher, legitimer Institutionen wie etwa Regierungen und internationaler Verträge ist. Grundsätzlich richtig, so sollte es sein, doch die ICANN glaubt nicht, sich diesen Spielregeln unterwerfen zu müssen. Seit einigen Jahren entfernt sich die Organisation mehr und mehr von ihrer eigentlichen Aufgabe und niemand hat davon Notiz genommen. Lediglich ein paar Insider und die NTIA (National Information and Telecommunications Administration), die U.S.-Behörde welche den Telekommunikationssektor reguliert, wahren den Anschein einer höheren Authorität, deren Kontrolle sich auch die ICANN nicht entziehen kann.
In den neun Jahren ihrer Existenz hat sich das Budget der ICANN von jährlich einer Million US Dollar fast um das 50-fache auf über 49 Millionen US Dollar aufgeblasen. Alles finanziert durch das Einstreichen von Gebühren ihrer akreditierten TLD Registries und 2nd-Level Domain Registrars. Und mit dem Anstieg des Budgets stiegen auch ICANNs polititsche Ambitionen.
Geht es nur um TLDs oder um mehr?
Über das letzte Jahr hinweg, fand eine rege Debatte um die Einführung weiterer allgemeiner Top-Level Domains (gTLDs, generic top-level domains) statt; eigentlich wie jedes Jahr, denn immer wieder werden Anträge im jährlichen Zyklus übeprüft. In der Vergangenheit hat die ICANN in einem Atemzug eine ganze Handvoll neuer TLDs etabliert, darunter .biz, .info und .name. Der Prozess bis zur Bewilligung durch die ICANN ist schwerfällig, undurchsichtig und unberechenbar. Wird die neue Richtlinie “New gTLDs” von der ICANN selbst bestätigt, wird es in Zukunft deutlich mehr gTLDs geben, möglicherweise einen Zuwachs von mehreren Dutzend pro Jahr, und eine ganz deutliche Verschiebung der Marktverhältnisse geben.
Auf der Website für das Vorstandstreffen der ICANN in Los Angelese beschreibt die Organisatuin diesen Vorgang so: “Neue gTLDs könnten die Art und Weise verändern wie wir das Internet in Zukunft sehen.”
Zensur
Mehr TLDs führen zu mehr Wettbewerb.
Zunächst ist daran auch nichts falsches, doch gibt es Bemühungen von einflussreichen Entscheidern innerhalb der ICANN, nicht nur technische oder operative Gesichtspunkte in den Prozess zur Freigabe von gTLDs aufzunehmen. Unter einigen der Entwürfe, über die im Moment beraten wird, befindet sich einer, der es Markenbesitzern erlaubt, den Genehmigungsprozess zu blockieren, wenn die Entscheidung nicht seinen kommerziellen Interessen entspricht. Andere Institutionen, wie beispielsweise Regierungen könnten den Prozess beeinflussen, wenn die neue gTLD “unmoralisch” oder die “öffentliche Ordnung” stört, wie erst kürzlich die Diskussion um die .xxx-TLD zeigte (Mehr dazu im Artikel ICANN: .xxx-Domain endgültig vom Tisch). Tatsächlich kann eine Interessengemeinschaft sogar den gesamten Entscheidungsprozess kippen, wenn sie behaupten, mit der fraglichen gTLD in Verbindung gebracht zu werden. Dazu müssen sie noch nicht einmal eine einleuchtende Begründung liefern. Natürlich möchte niemand Websites sehen, die in Namensräumen, wie beispielsweise .nazi, .nigger oder .god verwaltet werden. Doch wie soll objektiv entschieden werden, welche gTLDs nicht für eine Applikation geeignet sind?
Hmm, das richt nach Zensur? Doch welche Authorität hat die ICANN, um eine solche Politik im weltweiten Internet durchzusetzen? Kann Sie das wirklich tun? Es hat den Anschein, daß sie es kann!
Das geringste Problem wäre, wenn die ICANN den neuen Entwurf absegnet und dem Rest der Welt überläßt, wie sie damit umgehen. Doch leider ist das Verwaltungssystem innerhalb der ICANN, sehr kompliziert, undurchsichtig und von Ad-Hoc-Entscheidungen geprägt, so daß eine Anrufung der ICANN zur Korrektur der Pläne im Nachhinein sehr schwierig werden wird. Zudem ist die Verbindung zur US-Regierung relativ schwach. Es wäre besser, das Vorhaben zu stoppen, solange es noch in der Pipeline ist. Hinterher ist es zu spät und der Schaden groß.
Machtspiele
Nun, eigentlich geht es doch nur um Domain-Namen, oder? Was ist also so wichtig an diesem Politikwechsel? Solange ich eine Domain mein Eigen nennen kann habe ich doch meine “Freedom of Speech”, nicht wahr?
Wenn das nur so einfach wäre, doch leider beginnt hier der schlüpfrige Bereich, welcher zu perfiden Auswüchsen allgemeiner Internetzensur führen kann. Sobald Zensur im globalen Netzwerk etabliert ist, gibt es keine Hindernisse für die ICANN, sich lediglich auf die Zensur von gTLDs zu beschränken. Zensur, so hat die Vergangenheit gezeigt, ist eine Institution von enormem Wachstum und unkontrollierbarer Natur. Nur ein kleiner Schritt ist notwendig, um auch Inhalte und Anwendungen Gegenstand von Zensur zu machen, insbesondere da einige Domains selbst starken Bezug auf Inhalt und Anwendung nehmen.
Ich wage zu behaupten, daß jene Kräfte, die eine Zensur der gTLDs erreichen möchten, die Zensur von Inhalten und Anwendungen als eigentliches Ziel ausgemacht haben. Ihre hinterhältigen Maneuver zur Verwicklung der ICANN in ihre eigenen Entscheidungen um eigene Interessen durchzusetzen, führen zur Abschwächung gemäßigter Kräfte, die eine Ausweitung des Einflusses der zerstörerischen Bewegung Einhalt gebieten könnten.
Es ist fraglich, was dagegen getan werden kann. Es gibt unterschiedliche Bewegungen, die gegen eine uneingeschränkte Herrschaft der ICANN über das Internet kämpfen, darunter auch die die Kampagne “Keep The Core Neutral”, welche eine Petition vorbereitet hat, die Sie unterzeichnen können, um Ihrer Stimme Gewicht zu geben. Die Petition wird dem ICANN-Vorstand bei der Abstimmung über die neue Regelung vorgelegt. Durch Ihre Teilnahme an dieser Kampagne sind Sie Teil einer Koalition, die in Zukunft auch andere Aktionen im Blick hat, um Ihr Wort zu verbreiten. Desweiteren können Mitglieder an Brainstorming-Sitzungen teilnehmen, um die Strategie auszurichten und die Kampagne zu beobachten.
Mehr Informationen finden Sie unter www.keep-the-core-neutral.org/.
graegerts